Meine Erlebnisse im Fürsorgeheim Kloster Johannesburg

Veröffentlicht auf von Josef Dorsten

An die Kirchen

Marcus 9 36-37 :

Er rief ein kleines Kind stellte es in die Mitte und umarmte es. Dann sagte er: „Wer ein solches Kind mir zuliebe aufnimmt, der nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, der nimmt damit Gott selbst auf, weil Gott mich gesandt hat.“
 

Meine Familie

Ich bin 1932 in Rheine geboren, hatte  meine Eltern und noch einen Bruder und wir waren eine glückliche Familie.

  Meine Einschulung 1938, ich stehe in der zweiten Reihe links
er vierte Junge, der die Hände auf den Vorderjungen legt.
 

Dann kam das, was ich keinen Menschen wünsche, mein Vater verstarb am 14.12.1943. Von da an änderte sich alles. Die restlichen Kriegsjahre vergingen „normal“, was immer man darunter verstehen konnte. Nach dem Krieg gab es auf den Lebensmittelkarten zum Leben zu wenig  und zum Sterben zu viel. Wir, das waren mein Bruder und ich, gingen bei den Bauern Hamstern, sprich Betteln. Meine Mutter bekam eine Rente von 50.00 RM. Sie brachte morgens Zeitung aus und abends arbeitete sie im Kino als Platzanweiserin, denn es musste ja Geld ins Haus kommen. Mein Bruder und ich waren dann auf uns alleine gestellt. Meine Mutter war noch eine junge Frau, die auch gewisse Bedürfnisse hatte und das ging den katholischen Nachbarn zu weit. Diese  Nachbarn, die nach dem Krieg von Braun zu Schwarz wechselten wegen der Carepakete, die die Kirchen an der notleidenden  Bevölkerung verteilte. Wir gingen nicht zur Kirche und bekamen somit auch keine Carepakete. Die Zeit trieb so manche Blüten. Die Leute, die meine Mutter kritisierten, schickten ihre Töchter zu den Besatzungssoldaten und so kamen sie in dem Genuss von Bohnenkaffee und Zigaretten. Da  ließ man sich auch gerne einen Sack Kartoffel oder Kohlen in „Natura“ bezahlen Sie leben nach der Devise des Diebes, der da ruft: „Haltet den Dieb“. Die Zeiten waren nicht danach um mit großer Ehrlichkeit durchs Leben zu kommen. Um eine warme Wohnung zu haben brauchte man Kohlen, die haben wir uns dann „besorgt“. Im Krieg hat man bei uns den Kiefernwald gefällt, dieser „brannte“ und „wärmte“ gut. Es kam, wie es kommen musste, die Nachbarn gingen zum Jugendamt, sie wurden da sozusagen Stammkunden. Meine Mutter konnte sich nicht gegen die Vorwürfe wehren und das Jugendamt ging vor Gericht und das wies mich und meinen Bruder bis zum 19.ten Lebensjahr unter Fürsorge. Am 11.03.1947 kam eine Fürsorgerin zu uns und sagte zu mir, dass wir eine Reise machen wollen. Ich war damals 15 Jahre alt und dann  begann mein Elend.

In Papenburg musste ich bei der Polizeiwache die Nacht über auf einen Stuhl verbringen, denn es fuhr kein Bus mehr nach Börgermoor und es lag noch hoch der Schnee. Es war der schlimmste Winter seit Jahren. Der Bus brachte uns am nächsten Morgen nach Börgermoor und für mich begann die Hölle. Mein Bruder kam einige Tage später auch in ein Heim, allerdings in einem anderen Heim die Himmeltür in Hildesheim.

Fürsorgeheim: Kloster Johannesburg
 

Güldenburg  gehörte zu den "Herz-Jesu-Missionaren", die in Börgermoor bei Papenburg im Emsland das abgelegene katholische Erziehungsheim "Johannesburg" hatten

Die Geschichte über mein Leben in diesem Kloster habe ich nach vielen Jahrzehnten der Verdrängung einer Zeitung erzählt.                    

Hier ist meine Geschichte:

Johannesburg                                                                                                                                                                            Güldenburg  gehörte zu den "Herz-Jesu-Missionaren", die in Börgermoor bei Papenburg im Emsland das abgelegene katholische Erziehungsheim "Johannesburg" hatten.

Heute "Jugendhilfeeinrichtung" "Surwold Bürgermoor" in Trägerschaft der "Hiltruper Herz-Jesu Missionare").

 

Die Geschichte über mein Leben in diesem Kloster habe ich nach vielen Jahrzehnten der Verdrängung einer Zeitung erzählt.

 
Opfer klagen an

“Das ist mir auch passiert.“ So meldete sich Josef Dorsten am 13. Dezember [2006] in der MV-Redaktion. Gerade hatte er den Artikel „Schuld und Sühne“ auf der Westfalen-Seite unserer Zeitung gelesen. Berichtet wurde über ehemalige Heimzöglinge, die vor dem Petitionsausschuss des Bundestages die Erlebnisse in deutschen Kinderheimen der Nachkriegszeit geschildert hatten. „Erschütternde Zustände von unglaublichen Missständen“, hieß es in dem Bericht. Gewalt, der Zwang zum Arbeitseinsatz und sexueller Missbrauch wurden genannt. 

Artikel von Mathias Schief, 23. Dezember 2006
aktuelle Ausgabe der Nr. 298 "Rheiner VOLKSBLATT"
                                                                                                                                                                                     
eine Zeitungsausgabe der "Münsterländische-Volkszeitung" -
"Dem Zögling die Dankbarkeit mit dem Zuchtstock eingebläut"

von Patern der katholischen Brüdernschaft "Missionare vom Heiligen Herzen Jesu (Hiltrup) "
in dem
katholischen "Zöglingsheim" ( Kloster ) "Johannesburg" im Börgermoor bei Papenburg. ( heute "Jugendhilfeeinrichtung" "Surwold Bürgermoor" in Trägerschaft der

                       "Hiltruper Herz-Jesu Missionare") . 
Dem Zögling die Dankbarkeit mit dem Zuchtstock eingebläut


Josef Dorsten erzählt aus seiner Zeit im Jugendheim Johannesburg

Von Matthias Schrief

„Schreiben Sie das auf. Schreiben Sie es so, wie ich es gesagt habe. Das ist meine Geschichte. Das soll ruhig jeder wissen. So war das damals in der Johannesburg.“ Da ist er wieder: Der Zorn eines heute 74-Jährigen. Ein Zorn, der mit dem Alter nicht verloschen ist. Ein Zorn, der ihn zeitlebend begleitet hat; dessen Feuer entfacht wurde, als Josef Dorsten auf der Schwelle vom Kind zum Jugendlichen stand. Zwei Jahre und drei Tage - „es war die Hölle“, sagt er heute. Zwei Jahre und drei Tage in dem katholischen Jugendheim Börgermoor bei Papenburg, an die der Bahnpensionär aus dem Schotthock vor allem diese Erinnerung hat: Harte, körperliche Arbeit, Stockschläge und sexueller Missbrauch.


„Schreiben Sie das auf. Das soll ruhig jeder wissen.“ Josef Dorsten


Vergessen? Nein, das kann er nicht. Auch nach all den Jahren nicht. Zu sehr hat er in der Zeit als Zögling im Kloster Johannesburg gelitten. Es war nicht so sehr der entbehrungsreiche Alltag, die einseitige Ernährung, die hauptsächlich aus „Pamms“, einem dünnen Gemüseeintopf bestand. Und Kartoffelbrei. Den gab es nahezu täglich, der musste sogar als Brotaufstrich herhalten. Nein, es war - wie er sagt - die Scheinheiligkeit der Patres und Brüder, die in der Johannesburg das Zepter führten.

Nein, die Patres, die so schnell zum Zuchtstock griffen, kann er nicht vergessen. Genau so wenig wie den Bruder, der sich an den Heimzöglingen verging. Wehren konnten sie sich nicht. Im Gegenteil. „Dankbarkeit“ sollten sie zeigen, die rund 150 Zöglinge. Das verlangte damals der Pater Direktor. Folgte man ihm nicht, erzwang er die Dankbarkeit mit seinem Zuchtstock.


„Die zwei Jahre in der Johannesburg waren die Hölle.“ Josef Dorsten


Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Hamstern oder Hungern hieß damals die Devise. „Bei uns zu Hause lief nicht alles so, wie es eigentlich laufen sollte“, erinnert sich Dorsten an seine Jugendzeit. Der Vater, ein Reichsbahner, war 1943 an einem Magenleiden verstorben, die Mutter mit ihren beiden Jungs auf sich alleine gestellt. Die Brüder: Zwei Lausbuben, die es verstanden, sich Lebensmittel oder Zigaretten bei den Besatzungstruppen zu „organisieren“. „Das haben alle gemacht“, sagt Dorsten. Er und sein jüngerer Bruder sind dann aber dabei erwischt worden, wie sie Wurst und Eingemachtes bei einem Fleischer stibitzten. Ein Vergehen, für das ein 14-Jähriger ohne einschlägige Auffälligkeit vom Jugendrichter heute ein paar Sozialstunden aufgebrummt bekäme. Dorsten wurde damals zu zwei Jahren Fürsorgeerziehung in der Johannesburg verdonnert.

Dorsten war kein Einzelfall. „Neben der Arbeitslosigkeit brachte die besondere Situation der Nachkriegszeit (Schwarzmarkt, Schmuggel, Prostitution, unvollständige und zerrüttete Familien) ein hohes Maß an Jugendgefährdung. Es gab eine steigende Zahl von Minderjährigen, für die Heimplätze gesucht wurden“, heißt es dazu in einer Chronik, die 1988 aus Anlass des 75-jährigen Bestehens der Johannesburg herausgegeben wurde. In der Tradition der Landarmen-, Arbeits- und Rettungshäuser war die Johannesburg 1914 in einer einsamen Gegend gebaut worden, fernab von jeglichem Verkehr und im Stile einer Besserungsanstalt, jedoch ohne Gefängnismauern, auf die man wegen des Moores glaubte verzichten zu können. Die ersten Zöglinge der Johannesburg kamen übrigens aus Wettringen. Am 1. April 1914 hatte die Genossenschaft der Missionare vom Heiligen Herzen Jesu (Hiltrup [bei Münster]) die Leitung und den Betrieb der Erziehungsanstalt übernommen. [ Heute: „Jugendhilfeeinrichtung“ „Surwold Bürgermoor“ in Trägerschaft der „Hiltruper Herz-Jesu Missionare“ ]

Dorsten weiß heute noch in allen Einzelheiten vom ersten Tag in der Johannesburg zu erzählen. Es ist der 13. März 1947. Von nun an ist er Zögling der Abteilung „Hochland“: Schlafsaal mit 35 Jungen, je ein Bett, je ein Spint. Es gibt einen Speisesaal, der auch als Aufenthaltsraum dient. Wie die meisten anderen Jungs wird Dorsten in der Landwirtschaft eingesetzt. „Eine Berufsausbildung gab es damals für uns nicht“, sagt Dorsten.

Das Heimleben war kein Zuckerschlecken. Damit konnte sich Zögling Dorsten allerdings bald abfinden. Aber noch heute kommt die Wut in ihm hoch, wenn er an die Prügel denkt, die er von den Erziehern einstecken musste. „Wissen Sie, es war damals nicht unüblich, dass Jugendliche rauchten. Wir besorgten die Zigaretten ja von den Besatzungssoldaten“, schickt er seiner Episode voraus. Auch im Kloster Johannesburg wurde Tabak angebaut. Dorsten hatte sich verkümmerte Pflanzen besorgt und sie auf einem freien Feld erfolgreich hoch gezogen. „So hatte ich immer was zu rauchen.“ Das war den Zöglingen allerdings nicht erlaubt. Irgendwann muss was rausgekommen sein. Jedenfalls stoppte ihn Bruder E. - dessen Markenzeichen ein Holzknüppel war, den er immer dabei hatte - auf dem Weg zum Mittagessen. „Dorsten, mach' deine Taschen leer!“, fuhr er den Zögling an. Die Tabakblätter fielen zu Boden: „Was glauben Sie, was da los war? Der hat so lange auf mir herumgehauen, bis sein Knüppel kaputt war“, sagt Dorsten.

„Der hat so lange auf mir herumgehauen, bis sein Knüppel kaputt war.“

Als er der Mutter das Leben im Heim in einem Brief beschrieben hatte, gab es wieder Prügel. „Der Pater Direktor hielt mir zunächst eine Standpauke über das Leben im Heim. Und damit ich auch ja nicht vergesse, wie gut ich es habe, verpasste er mir eine Tracht, die sich gewaschen hatte.“ Noch schlimmer kam es beim dritten Mal. „Das war perfide, gemein, ungerecht. Dafür hasse ich sie heute noch“, schimpft der 74-Jährige. Zusammen mit seinem Freund Josef „Jupp“ R. war er vom Heim an einen Bauern in der Nachbarschaft zum Arbeitseinsatz „ausgeliehen“ worden. „Eigentlich ein schöner Tag. Denn beim Bauern gab es tolles Abendessen“, erinnert sich Dorsten. Und der Bauer lud die beiden Jungs auch zum Rauchen ein. „Als der Bauer uns abends wieder zur Johannesburg brachte, hatte er allerdings nichts Besseres zu tun, als im Sekretariat zu berichten, dass wir schlecht über die Johannesburg sprechen und auch rauchen.“

Die Strafe erfolgte in der Nacht. „Dorsten komm!“, rief ihn der Pater zu sich ins „Kämmerchen“. Nur mit dem Nachthemd bekleidet, musste der Zögling antanzen. „Ich musste mich bäuchlings über den Stuhl legen. Der Pater straffte dann das Nachthemd schön glatt über den Po und dann gab es so 20 Hiebe mit dem Rohrstock. Kurze Pause. Dann sagte er genüßlich: So - und jetzt noch mal 20 Schläge“, berichtet Dorsten. Als der Pater mit Züchtigung des Zöglings Dorsten fertig war, sagte er nur: So, und jetzt schick mir den Jupp vorbei.“

Es war vielleicht auch die Atmospähre von Befehl und Gehorsam, die die Zöglinge sexuellen Missbrauch kritiklos hinnehmen ließ.

„Ja, er hat sich an mir vergangen. Er hat es mit mehreren gemacht.“ 
Josef Dorsten


Dorsten erinnert sich: „da gab es einen Bruder, der konnte singen wie ein Engel. Aber so gut er singen konnte, so schlecht war sein Charakter.“ Eines Nachts habe der Bruder ihn angesprochen: „Josef, möchtest du wohl ein Pfeifchen rauchen?“ Klar wollte Josef. „Dann komme mit auf mein Zimmer“, forderte der Bruder den damals 16-jährigen auf. Der Zögling saß auf dem Bett, schmauchte das Pfeifchen - bis ihn der Bruder zu sich zog. „Ja, er hat sich an mir vergangen“, sagt der heute 74-Järige in aller Offenheit.

Kein Einzelfall. „Das  hat er mit mehreren Jungs gemacht“, sagt Dorsten. Aufgeflogen ist der Bruder erst, als eine Gruppe Zöglinge zusammen im Bett erwischt wurde. „Wieso, das lernt man hier doch“, konterte einer der Erwischten die Vorwürfe dem Pater Direktor über den Bruder, der die Knaben zu sehr liebte. Gab es Konsequenzen für den Bruder? „Ja, er wurde in ein anderes Heim versetzt“, sagt Dorsten.

Trotz allem: Einmal im Jahr kehrt Dorsten zur Johannesburg zurück. „Wissen Sie, viele, die so etwas erlebt haben, brauchen einen Psychotherapeuten. Brauche ich nie. Denn ich hatte Bruder Schröer. Der hat mir damals über so manche schwere Stunde hinweggeholfen. Das war ein wirklich guter Mensch - ein Engel unter lauter Teufeln.

Mit der Kirche hat der ehemalige Zögling seither abgebrochen. Aber an das Grab von Bruder Schröer kehrt er zurück. Der guten Seele seiner Zeit in der Johannesburg ist er ewig dankbar.


So viel über meine Geschichte die ich der Zeitung berichtet habe. Hier noch einige Bilder von der Johannesburg:


 
                                                                                                           









































 Wohnstube einer Gruppe   Schlafraum


Bevor es zur Arbeit ging, wurde im Innehof zum Apell angetreten.
Die Meister holten die Jungen zur Arbeit ab.                        
                                             

















 

Gruppe Friedburg 1058 mit ihrem Gruppenerzieher

Bruder Hiltrop. Neben seiner Erziehungstätigkeit in der Gruppe war er Arbeitserzieher im Moor.

Josef-8.jpg

                                                                                                                                                                                                                                                            Der Torfbagger

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Hier wird der Torf

zum Trocknen gestapelt.

  Die Aula

Josef-11.jpg










Pater Jakob van der Zanden,
einer der Patres, der mich verprügelt hat, weil ich meiner Mutter einen Brief schrieb, in dem ich sie informierte, wie schlimm es dort war.





Inspekion der Johannesburg

Vor einigen Tagen ist mit eine Kopie zugeschickt worden, aus dem hervorgeht, dass die Johannesburg auch von verschiedenen dafür verantwortlichen Menschen kontrolliert worden ist.
Diese Inspektion ist wenige Monate nach meiner Entlassung erfolgt, siehe Bericht dazu:








                                                          

Wegen der schlechten Bildqualität habe ich den Brief hier noch einmal abgedruckt:

Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände           Osnabrück, 14.7.1949
          des Regierungsbezirks Osnabrück             Jugendherberge

An den
Hernn Präseidenten
des Niedersächsischen Landtags
in Hannover

Betr.: Fürsorgeerziehungsanstalt Kloster Johannesburg, Neubörger,
         Kreis Aschendorf/Himmling.
Im Rahmen einer vom Regierungspräsedenten-Bezierksjugendpflleger-geleiteten Tagung der Kreisjugendpfleger am 5.7.1949 nahmen die unterzeichneten Vertreter der Jugendorganisationen des Regierungsbezierks an der Besichtigung der Fürsorgeerziehungsanstalt Kloster Johannesburg, Neubörger, im Kreise Aschendorf/Hümmling teil.
Sie stellten dabei folgende Mißstände fest, um deren Überprüfung und Abstellung hiermit gebeten wird:
1. Trotz des am Besichtigungstages herrschenden kühlen und feuchten Wetters trug kein Zögling bei den Aussenarbeiten Strümpfe und Schuhe, nur wenige gingen in schweren Holzschuhen.
2. Hemden und Hosen waren grösstenteils zerrissen und genügten nicht den Anforderungen, die an eine ordnungsmässige Arbeitskleidung gestellt werden müssen.
3. Nur ein geringer Teil der 175 Jungen wurde bei Arbeiten in den Lehrwerkstätten angetroffen.
4. Für die Arbeiten im Torf wird den Zöglingen nur ein Entgelt von DM 0,05 pro Stunde durch die Anstaltsleitung gutgeschrieben.
5. Die Werstätten befanden sich technisch wie räumlich in einem Zustand, der in keiner Weise zur Durchführung einer erfolgreichen Lehre ausreicht.
6. Als Aufenthaltsraum dient einer Abteilung ein ungestrichener, dunkler - nur mit Glühbirne ausgestatteter - Raum, der sich zur Zeit der Mittagspause in einem unsauberen Zustand befand. Die benutzten Blechteller lagen ohne Ordnung in einer Ecke, die Jungen sassen in ihrem zerrissenen Arbeitszeug,mit schmutzigen blossen Füssen um die Tische. Ein Teil rauchte Pfeife und spielte Karten.
Wie halten diese lieblosen Verhältnisse, die sich äusserst deprimierend auch auf sämtliche Fahrtteilnehmer auswirkten - und die nach Berichten von Zöglingen und der Bestätigung des Bezirksjugendpflegers in den anderen Anstalten des Landes noch weit schlechter sein sollen- für das Gegenteil von Fürsorge und nicht dazu geeignet, die Jungen wieder für die menschliche Gemeinschaft zurück-zugewinnen.
Seite 2
Es wäre zu prüfen, wie weit eine Vernachlässigung der Dienstaufsichtspflicht vorliegt.

Die hier gemachten Angaben können durch weitere Tagungsteilnehmer bestätigt werden.
gez.
Günter Halberstadt (Freischat)
Hildegard Lanver (Katholische Jugend)
K.G. Schulz (Gewerkschaftsjugend)
Erwin Förstner (Die Falken-Sozialistische Jugendbewegung)
Werner Wiltmann (Freie Deutsche Jugend)
Jürgen Seifert (Freischar)
Stettner (Bund deutscher Pfadfinder)

An die
Abgeordneten des Kreises Osnabrück-Stadt und - Land im Niedersächsischen Landtag
Fraktionen des Niedersächsischen Landtags
Landesvorstände der SPD, CDU, KPD FDP und DP in Hannover
Industrie und Handelskammer zu Osnabrück
Handwerkskammer zu Osnabrück

Leitung des Ordens vom Hl.-Herzen-Jesu in Hiltrup/Westf.
                                                                                                                                     das Landesjugendamt
den Landesjugendpfleger
den Bezierksjugendpfleger bei der Regierung in Osnabrück
den Stadtjugendpfleger der Stadt Osnabrück
  "   Herrn Regierungspräsidenten in Osnabrück
  "   Herrn Landrat des Kreises Aschendorf/Himmling
  "   Jugendring Osnabrück.
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Entlassung aus  Johannesburg und mein Leben danach

Am 15.03.1949 kam ich zu einem Bauer in der Nähe von Börgermoor. Dort gefiel es mir ganz gut und immerhin bekam ich damals einen Lohn von 30.00 DM. Das erste was ich was ich davon für mich vom Schneider anfertigen ließ war ein Anzug. Ich stand immer noch unter der Fürsorge und bin jeden Sonntag zu meinen Freunden auf der Johannesburg gefahren.            















                                                                                                                                                        Meine  Mutter stellte einen Antrag beim Jugendamt, denn sie wollte dass ich eine Arbeit beim Bauer  bei ihr in der Nähe bekomme. Da war ich ein „kleiner Leibeigner“. Mein Freund Josef aus der Johannesburg hatte  dann auch in der Nähe bei einem Bauer gearbeitet. Er war ein Freund in den trüben Tagen und kam eines Tages zu mir, um gemeinsam mit den Rad mit mir zu meiner Mutter zu fahren und anschließend wollten wir auch noch in die Stadt fahren. Der Bauer, bei dem ich arbeitete lehnte das ab und meinte, dass er gleich Montag zum Jugendamt fahren wird, wenn ich jetzt in die Stadt fahren würde. Der Bauer meinte noch einmal deutlich, dass ich sein Leibeigner wäre. In den nächsten Tagen ging ich zu dem Jugendamt, um einen Antrag zu stellen, damit ich wieder zu meinem vorherigen Bauer komme, was dann auch genehmigt wurde. Das hätte ich aber lieber nicht machen sollen, denn in der Zwischenzeit hat sich dort einiges geändert. Als ich mich bei meiner Mutter beklagte, schrieb diese dem Bauer einen Brief und der hat sich dann bei der Johannesburg beschwert. Ich musste dort dann zu einem Gespräch und es wurde mir von einem Pater schwere Vorwürfe gemacht und dass ich ein undankbarer Junge sei und wenn ich mich noch einmal beschwere, würde ich bis zu meinem 21.ten Lebensjahr auf der Johannesburg verbringen müssen. Das wollte ich natürlich nicht, denn ich war ja erst 18 Jahre alt. Ich blieb dann bis zur Ernte bei diesem Bauer und bin dann wieder zu meiner Mutter gegangen. Mein Bruder, der ja auch im Heim war, kam eine Woche später und wir arbeiteten beide beim Bauer. Damals hieß es Notstandsarbeit, die ich vorgezogen habe.

Ich hatte sehr viel nachzuholen und deswegen ging es jeden Samstag zum Tanz. Mein Bruder und ich fingen an, das Leben zu genießen, denn wir wollten nur eines unsere Heimzeit und die Erfahrungen beim Bauer so schnell wie möglich vergessen.

1953 habe ich geheiratet, was nicht einfach war, weil meine Ehefrau die einzige Tochter war und die sich bestimmt einen anderen Schwiegersohn gewünscht hätten.

 

 

Nach der Heirat machte  ich weiter Notstandsarbeit, weil es keine andere Arbeit gab. 1955 erinnerte ich mich an einen  Traum, den ich auf der Johannesburg hatte. Habe mich daraufhin bei der Bundesbahn beworben und bin auch angenommen worden. Von da an ging es uns besser. Mir wurde eine Wohnung fern der Schwiegereltern angeboten und wir haben sie genommen. Diese war auf einem  Dorf aber sehr  schön. Meine Frau und ichbekamen sechs Kinder im laufe der Zeit. Ich habe mich auf den Hosenboden gesetzt und bin zur Schule gegangen und 1974 in den Beamtenstand übernommen worden. Das war das zweite was ich auf der Burg geträumt habe. 1966 habe ich das dritte in Angriff genommen. Ich habe meine Kindheit am Rand der Stadt verbracht mit allen den Freiheiten. In Rheine, meine Vaterstadt wurde mir ein Grundstück an Rande der Stadt angeboten. Ich habe dort gebaut und meine Kinder sind wie ich ohne Verbote groß geworden. Die Kinder sind aus dem Haus und ich habe das Haus verkauft und mir eine Eigentumswohnung zugelegt. Meine Frau und ich sind stolze Großeltern von 13 Enkeln und fünf Urenkel. Im nach hinein denke ich, dass es gut war von der Stadt  weg zu gehen um  Ruhe vor gewissen Menschen zu haben, die die Vergangenheit nicht ruhen lassen können.












Besuch der Johannesburg




Einfahrt zur Johannesburg



 





Besuch 2007


Links Direktor Klein, Rechts Bruder Köster,
ich bin in der Mitte














 

 

Jedes Jahr fahre ich zur Johannesburg und besuche das Grab von Bruder Schröer.

Juli 2009
Es hat lange gedauert bis ich meine Akten bekommen habe, im Juli war es dann soweit:












Ich habe nun meine Akte gelesen, einige nähere Umstände über meine Heimeinweisung erfahren, aber keine wirklich neuen Erkenntnisse. Damit möchte ich auch meine Zeit und meine Erfahrungen in der Johannesburg abschließen.
In Zukunft wird es ein Thema aller ehemaligen Heimkinder sein, denn es betrifft uns alle, die wir aus fadenscheinigen Gründen in Heime gekommen sind und das dunkelste Kapitel der Nachkriegszeit wird aufgeklärt werden müssen. Die Arbeit dazu hat begonnen, aber es wird noch eine Zeit in Anspruch nehmen und erste Ergebnisse in der Aufarbeitung wird es 2010 mit der Arbeit des Runden Tisches unter dem Vorsitz von Frau Dr. Antje Vollmer geben.
Ich möchte es noch erleben, dass die Kirchen das an uns begangene Unrecht einsehen und aus diesem Unrecht lernen ; für andere Menschen - Kinder - Jugendliche, damit so etwas niemals wieder passieren kann.

Josef Dorsten 


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Anne Flock 02/26/2011 21:47


Sehr geehrter Herr Josef Dorsten, hier ist nochmals Anne Flock. Ich habe noch etwas gestöbert auf ihren Seiten. Auf dem Foto, auf dem sie mit ihrem Hut abgebildet sind, steht linkks neben ihnen ein
Mann mit Anzugjacke und Pullover. Ist das vieleicht mein Vater Matthias Flock?????
Danke schon jetzt für ihre Antwort. Liebe Grüße Anne Flock


Anne Flock 02/26/2011 09:23


Sehr geehrter Herr Dorsten, mein Vater Matthias Flock war vom 16.03 1951 bis zu 6.3.1954 auf der Johannesburg. Haben sie ihn gekannt???
Er war vorher in Bernwardshof Himmelsthür gewesen. In Himmelsthür war er im Alter von 11 bis 16 dann kam er zur Johannesburg.
Er ist seit 6 Jahren tot.
Ich habe seine "Akte" von der Johannesburg bekommen. Zur Zeit schreibe ich an meinem dritten Buch. Auch an mir ist das Leben meines Vaters nicht Spurlos vorbeigegangen.
Schonen sie mich bitte nicht.
Ich wäre ihnen Dankbar, wenn sie mir von meinem Vater erzählen könnten.
Egal was, egal wie schlimm. Ich Danke ihnen von Herzen.
Mit freundlichen Grüßen Anne Flock adoptionsv@web.de www.adoptionsv.com


Michael Organista 02/11/2011 11:08


Halllo Herr Dorsten

Natürlich Aufklärung bis ins Kleinste Detail .Die Komentare belegen ja gerade das Interesse an Dem Thema Johannesburg.
Gruss aus Surwold Börgermoor

Michael Organista


Manfred Plätzer 01/06/2011 15:01


Hallo,
auch ich war auf der Burg (1960 - 1963). Habe eine Ausbildung zum Buchbinder gemacht ( später machte ich eine 2. Ausbildung zum Kaufmann ). Mir ist von Schlägen und erst recht von sexuellen
Übergriffeben nichts bekannt. Insgesamt war die Zeit so schlecht nicht. Fußball, Theater, Parlament, all diese Möglichkeiten hatte ich aktiv genutzt. Dann der erfolgreiche Abschluss und die
Entlassung in das normale Leben. Erst da bemerkte ich die geprägten Defiziete:
Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Rest der Welt, Traurigkeit, innere Einsamkeit und, bis heute nicht abgelegt, erhebliche Störungen im Zusammenhang mit meiner Frau, meinen Kinden, meinen
Geschwistern. Hier sehe ich die eigendliche Schuld des damaligen Systems Johannesburg, dieses Abschotten gegenüber der Öffentlichkeit, den Mädchen ( ausser ein paar Stunden Ausgang am Wochenende
gab es ja keine Kontakte nach "draussen". Und das im schwierigen Alter von 15 - 18 Jahren.


B. Lademann 12/06/2010 22:53


Hallo,
ich suche schon lange Roland Bertram, damals mein guter Freund in der Johannesburg. Kann mir jemand seinen jetzigen Aufenthaltsort nennen. Er war dort in den 70er Jahren und kam glaube gebürtig aus
Bremen??

Vielen Dank


marc-o-polo 11/26/2015 21:05

An B. LADEMANN.
Hallo !
Suchen Sie doch bitte auf der webseite des INTERNET: "HEIMKINDER-FORUM" Sie finden dort K O S T E N L O S sehr viele Heimadressen und über 5.000 Ehemalige Heimkinder: Viel Erfolg,
Rufname dort :
marc-o-polo